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Predigt am Sonntag, 05.07.2020

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.

Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.

Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«

Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22).

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Römer 12,17-21

I.

Liebe Gemeinde!

Paulus hat ein Herzensanliegen. Was ihm so wichtig ist, möchte er auch uns ans Herz legen. Sein Herzensanliegen beschreibt er zunächst mit etlichen Verneinungen. Er sagt, was wir nicht tun sollen: Wir sollen niemandem, der uns etwas Böses getan hat, in gleicher Münze heimzahlen. Wir sollen an niemandem, der uns verletzt oder beleidigt hat, Rache üben. Wir sollen uns nicht vom Bösen besiegen lassen, indem wir etwas sagen oder tun, was anderen Menschen schadet.

Und dann beschreibt Paulus sein Herzensanliegen mit frohen und hellen Worten. Er spricht vom Guten. Er spricht von Frieden. Er spricht von Essen und Trinken. Diese Worte klingen und schmecken nach Leben. Mit diesen Worten malt Paulus uns Farben in unsere Seele, die uns guttun. Er malt Bilder in unsere Herzen, die uns stärken können. Mit Essen und Trinken taucht das Bild einer Mahlzeit vor uns auf, die die grundlegenden Lebenskräfte stärkt. Gerne dürfen wir weiterdenken. Dann sehen wir einen reich gedeckten Tisch, an dem wir uns satt essen können, vielleicht sogar eine üppig bestückte Tafel bei einem Fest.

Paulus hat ein Herzensanliegen. Und er hofft darauf, dass auch wir dieses Anliegen mit der Kraft unseres Herzens in unserem Leben umsetzen. So wie Jesus das gesagt und gelebt hat. So wie Gandhi das gesagt und gelebt hat. So wie Martin Luther King das gesagt und gelebt hat.

Martin Luther King war in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung engagiert. Er war der Motor und die Leitfigur für hunderttausende Menschen, die für die Gleichberechtigung der Schwarzen in der amerikanischen Gesellschaft gekämpft haben. Er wurde angefeindet und sein Leben war häufig bedroht. Mit aller Kraft hat er sich eingesetzt für die Rechte der schwarzen Bevölkerung. Er war überzeugt davon, dass der Kampf gewaltfrei sein muss, und dass nur friedliche Methoden angewendet werden dürfen. Immer wieder hat er betont: Finsternis kann keine Finsternis vertreiben. Das gelingt nur dem Licht. Hass kann den Hass nicht austreiben. Das gelingt nur der Liebe. Es gibt keinen Weg zum Frieden, wenn nicht der Weg schon Frieden ist.

Dieser Weg aber ist lang und nicht selten beschwerlich. Denn noch immer ist der Rassismus Alltag in den USA und anderswo auf der Welt.

II.

In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hat Mahathma Gandhi sich eingesetzt für das Selbstbestimmungsrecht des indischen Volkes. Mit aller Kraft hat er dafür gekämpft, dass Indien aus der englischen Kolonialherrschaft entlassen wird. Für seinen Einsatz wurde er immer wieder mit Gefängnis bestraft. Immer wieder musste er Rückschläge verkraften. Häufig wurde er aufgefordert, er solle dem bewaffneten Kampf für die Unabhängigkeit zustimmen. Denn durch die englische Besatzungsmacht kam es immer wieder zu Gewalt gegen die indische Bevölkerung. Wenigstens Vergeltungsschläge sollten geführt werden dürfen.

Gandhi hat in allen Phasen dieses Kampfes darauf bestanden, dass dieser Kampf nur mit gewaltfreien Mitteln geführt werden darf. Als ein Mann, der sich auch in der Bibel gut ausgekannt hat, hat er seine Gedanken angelehnt an ein Wort aus dem Alten Testament und gesagt: „Auge um Auge lässt am Ende die ganze Welt erblinden.“

In seinem Kampf für Unabhängigkeit und Menschenrechte findet Gandhi immer wieder Kraft in den Seligpreisungen der Bergpredigt. Jesus stellt all die Menschen in sein Licht, die nach den üblichen Maßstäben am kürzeren Hebel sitzen.

Selig sind die Sanftmütigen. (Matthäus 5,5)

Selig sind, die Frieden stiften.(Matthäus 5,9)

Selig sind die Barmherzigen.(Matthäus 5,7)

Deswegen haben wir es heute im Evangelium gehört:

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. (Lukas 6,36)

Deswegen stellt Jesus in der Bergpredigt die Forderung nach der Feindesliebe. Im Lukasevangelium lesen wir das so:

Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen. (Lukas 6,27-28)

Spätestens jetzt können wir erkennen: die Herzensangelegenheit, für die Paulus uns gewinnen möchte, hat er direkt aus dem Herzen Jesu übernommen. Jesus hat nicht nur für andere die Forderung gestellt: Liebt eure Feinde. Er hat die Liebe zu seinen Feinden vorgelebt. Im Sterben bleibt Jesus auf dieser Spur des Lebens. Im Blick auf seine Peiniger betet Jesus am Kreuz:
 

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! (Lukas 23,34)

Martin Luther King, Gandhi, Jesus – sie haben in den Dimensionen der Weltgeschichte vorgelebt, wie Böses mit Gutem überwunden werden kann.

III.

Die folgende Geschichte erzählt, wie sich dieses Wunder zwischen zwei einzelnen Menschen vollzieht.

Erino Dapozzo ist ein italienischer Christ und aktiv in der Heilsarmee. Während der Nazi-Herrschaft wird er jahrelang in einem Konzentrationslager gefangen gehalten. Aufgrund der Schinderei ist er abgemagert und verletzt. In diesem Zustand kommt es zu einer Begegnung mit dem Lagerkommandanten. Erino Dapozzo erzählt davon in eigenen Worten: Am Weihnachtsabend 1943 ließ mich der Kommandant rufen. Ich erschien mit entblößtem Oberkörper und barfüßig. Er aber saß vor einer reich gedeckten, festlichen Tafel. Stehend musste ich nun zusehen, wie er sich all die Leckerbissen schmecken ließ. Er setzte mir zu, weil ich Christ war und meinen Mitgefangenen Hoffnung zusprach im Hinblick auf Jesus.

Eine Ordonnanz brachte Kaffee und ein Päckchen Kekse herein. Der Lagerkommandant begann, auch diese zu essen. Dann wandte er sich an mich:

„Ihre Frau ist eine gute Köchin, Dapozzo.“ Ich verstand nicht, was er meinte. Er erklärte es mir: „Seit sieben Jahren schickt ihre Frau Pakete mit kleinen Kuchen, die ich aufgegessen habe.“ Ich kämpfte mit den Tränen. Meine Frau und Kinder hatten von ihren ohnehin kargen Rationen Mehl, Fett und Zucker gespart, um mir etwas zukommen zu lassen. Und dieser Kerl hatte die Nahrung meiner Kinder gegessen. Der Teufel flüsterte mir zu: „Hass ihn, Dapozzo!“ Wieder betete ich, damit in mir der Hass nicht aufkomme. Dann bat ich den Kommandanten, mir einen der Kuchen zu reichen. Ich wollte ihn nicht essen, sondern nur anschauen, daran riechen und an meine Kinder denken. Aber mein Peiniger gewährte mir meine Bitte nicht. Er verfluchte mich.

Als der Krieg vorüber war, suchte ich nach dem Lagerkommandanten; zehn Jahre dauerte es, bis ich ihn fand. Ich besuchte ihn zusammen mit einem evangelischen Pfarrer. Er erkannte mich erst, als ich ihm sagte: „Ich bin Nummer 17531. Erinnern Sie sich an Weihnachten 1943?“

Er bekam Angst. „Sie sind gekommen, um sich zu rächen?“, fragte der ehemalige KZ-Kommandant. „Ja!“, bestätigte ich und öffnete ein großes Paket. Ein großer Kuchen kam zum Vorschein. Ich bat seine Frau, Kaffee zu kochen. Dann aßen wir zusammen den Kuchen und tranken Kaffee. (Geschichte von Erino Dapozzo nach: Axel Kühner, Überlebensgeschichten für jeden Tag, Neukirchen-Vluyn 2012, S. 207-208.)

IV.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden,

sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Wo das geschieht, da blüht das Leben gegen den Tod. Da möchten wir gewiss gerne mithelfen. Aber an der Geschichte von Erino Dapozzo merken wir wohl, dass das nicht einfach ist und dass es Kraft kostet. Solche Kraft kann uns zuwachsen aus Bildern der Hoffnung, die unser Glaube uns schenkt. Dabei geht es um Essen und Trinken. Mit Worten aus dem Sprüchebuch erinnert uns Paulus daran, dass wir auch unseren Feinden alles Lebensnotwendige gönnen sollen.

Wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken.

Als Christen können wir bei Essen und Trinken ans Abendmahl denken. An das Brot der Versöhnung und an den Kelch des Heils. Immer wenn wir Abendmahl feiern, können wir uns von Jesus die Kraft erbitten, die nötig ist, um das Böse mit Gutem zu überwinden. Und dann mag das Wunder geschehen. Andere ballen ihre Fäuste – wir öffnen unsere Hände. Andere rufen nach Vergeltung – wir sprechen von Vergebung. Andere brüllen aus Hass – wir singen von Liebe.

Wo das geschieht, da sind uns die Worte des Paulus zu unserem eigenen Herzensanliegen geworden, und damit sind wir dem Herzen Gottes ganz nah.

Amen.

 

[1] Geschichte von Erino Dapozzo nach: Axel Kühner, Überlebensgeschichten für jeden Tag, Neukirchen-Vluyn 2012, S. 207-208.